Das Design der Zukunft (und wie man sich darauf vorbereitet)

by Adobe DE Team

Posted on 08-31-2016

– Von Matt McCue und Kiana St. Louis , Grafiken von Atipus

Ich bin etwas ratlos, wenn ich versuche, mir das Design der Zukunft vorzustellen.

Technologien entwickeln sich mit rasanter Geschwindigkeit. Innerhalb von fünf Jahren haben sich mobile Plattformen von einem Teil der neuen Strategie eines Unternehmens zum Schwerpunkt seiner Zukunft entwickelt. Und wer weiß, wann virtuelle Realität und Automation mehr an Bedeutung gewinnen werden? Durch solche sich rasch entwickelnden Tools und verändernde Voraussetzungen ist es praktisch unmöglich, die Zukunft vorherzusagen. Es kann sein, dass das Gerät, das in 10 Jahren einmal unser Leben bestimmen wird, noch nicht einmal erfunden wurde! Und dann ist da noch die Frage abweichender Karrierewege. Der traditionelle Standard des lebenslangen Hocharbeitens in einer einzigen Firma wurde durch Mitarbeiter gestört, die Fähigkeiten in sich vereinen, von denen man einst annahm, dass sie sich gegenseitig ausschließen – wie etwa Design und Computerprogrammierung. Völlig neue hybride Karrieren entstanden in Erwartung der Marktanforderungen von Morgen.

Aus diesem Grund haben wir uns an Visionäre und Experten aus der gesamten Designwelt gewandt, um deren Meinung zur Entwicklung der Branche in den nächsten 10 Jahren einzuholen. In dieser Zeit wird sich die Definition eines „Designers“ lockern und Designer werden schon bald von Unternehmen dazu aufgefordert werden, die gesamte Funktionsweise von Unternehmen neu zu überdenken, angefangen bei der Zusammenarbeit von Teams bis hin zur Unternehmensstruktur.

Es sieht so aus, als ob uns ein goldenes Zeitalter mit wunderbar verrückten neuen Möglichkeiten (hat jemand Lust auf Virtual-Reality-Ganzkörperanzüge, die echte Gefühle erzeugen?) und Karrierechancen bevorsteht. Du bist besorgt? Das musst Du nicht sein. Wir haben jeden Teilnehmer darum gebeten, uns einen Einblick zu geben, wie wir uns auf die Welt von morgen vorbereiten können.

Die Definition von „Design“ wird sich lockern.

„In der Vergangenheit studierte man Grafikdesign, Industriedesign oder Interaktionsdesign, und die möglichen Berufswege waren begrenzt. Jetzt sieht es so aus, als ob sich Design und Kreativität auf eine zunehmende Anzahl von Dingen erstrecken können. Eines davon ist Organisationsdesign, angefangen beim Design der Organisationskultur bis hin zum Design der Organisationen selbst, unter Berücksichtigung ihrer Struktur und Aufgabenverteilung. Ein weiteres Beispiel ist Business Design – der Gedanke, so weiträumige Bereiche wie Geschäftsmodelle und Risikokapital aus einem kreativen Blickwinkel zu betrachten.“

Duane Bray, Partner und Head of Talent, IDEO

„Kreativität“ wird sich zu einem begehrten Charakterzug für die Unternehmensführung entwickeln.

„Wir erleben, wie Menschen aus verschiedenen Bereichen ihre Zeit gemeinsam verbringen, und zwar vom Beginn bis zum Abschluss eines Projekts. Wie kann deren kreatives Potenzial maximiert werden? Die Kernkompetenz liegt in der Ausschöpfung des vollen Potenzials der Zusammenarbeit zwischen Teams.“

Duane Bray, Partner und Head of Talent, IDEO

Die Grenze zwischen Design und Geschäft wird weiterhin verschwimmen.

„Je mehr ein Designer davon versteht, wie das Geschäft funktioniert, desto wertvoller wird er für Arbeitgeber sein. Designer, die das Leistungsversprechen und die Mission eines Unternehmens verstehen, können es beim Wachsen und Gedeihen unterstützen. Sie müssen sich lediglich die Sprache aneignen, die von Führungskräften verwendet wird. Sobald Designer genau ausdrücken können, inwiefern sie dem Unternehmen von Nutzen sein können, werden Führungskräfte erkennen, dass sie nicht nur einen Designer, sondern auch einen Strategen eingestellt haben!“

Shana Dressler, Executive Director von 30 Weeks

Verzweigte Karrierewege werden zur Normalität.

„Ich sehe immer öfter, wie Menschen von den traditionellen Karrierewegen abweichen. Beim Einstellen neuer Mitarbeiter achte ich darauf, wie die Kandidaten ihre bisherige Karriere gestaltet haben: Warum haben sie ihre jeweiligen Entscheidungen getroffen? Auf welchem Berufsweg haben sie sich befunden? Mich interessiert nicht mehr so sehr, ob sie eine renommierte Designschule besucht oder in einem angesehenen Unternehmen gearbeitet haben. Mir ist es wichtig, ob sie dazugelernt haben und gewachsen sind und ob eine Absicht hinter ihren Handlungen stand.“

Duane Bray, Partner und Head of Talent, IDEO

3D-Druck wird für mehr einmalige Herausforderungen… und Chancen im Bereich Design sorgen.

„Meiner Meinung nach werden Produkte in Zukunft weniger statisch sein. Kann ein Einzelhandelsgeschäft die Möglichkeit des 3D-Drucks nutzen, so könnten Kunden ihre Produkte in der gewünschten Größe und sogar in Übergröße gestalten. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie Produkte auf einzelne Kunden individuell zugeschnitten werden können, anstatt auf festgelegte Größen begrenzt zu sein.“

Georgianna Stout, Founding Partner und Creative Director, 2×4

Daten und Design verwandeln das Leben in einen Rausch.

„Designer sind normalerweise Experten für Dinge, die man berühren, sehen und auf die man reagieren kann. Nun, da Software die Welt quasi übernommen hat, ändern sich die manifesten Ausdrucksformen der Designwelt und machen Platz für Dinge, die man nicht so leicht sehen kann, wie etwa Personalisierungsdaten, die speichern, wer wir sind. Designer werden darüber nachdenken müssen, wie Menschen und Maschinen interagieren. Wenn zum Beispiel ein Sensor des Artificial-Intelligence-Systems eines sogenannten „Smart Home“ erkennt, dass eine Tür aufgeschlossen wird und anschließend das Gesicht der eintretenden Person erkennt, sollte das System dann in der Lage sein, die Daten der Person zu ihren Vorlieben aufzurufen und ein bestimmtes Licht einzuschalten? Oder solltest du jedes Mal, wenn du nach Hause kommst, selbst entscheiden können, ob das Smart-Home-System das Licht für dich anschalten soll oder ob du es selbst tust? Oder würdest du ein Smart-Home-System entwickeln, das bei jeder Entscheidung mit dir interagiert? In den meisten von mir erwähnten Fällen gibt es keine Lichtschalter oder Systemschnittstellen mehr. Die Entscheidungen werden durch Künstliche Intelligenz und die Verwendung persönlicher Daten getroffen. So sieht das neue Designproblem aus.“

Mark Rolston, Gründer und Chief Creative, argodesign

Interdisziplinäre Teams werden Erfolg haben.

„Hier bei NBBJ beschäftigen wir viele Ärzte und Krankenpfleger, die einen großen Einfluss auf unsere Arbeit haben. Ich liebe es, einen Raum zu betreten, in dem ein genialer technischer Architekt, ein Krankenpfleger und ich mit meinem Hintergrund in Kunstwissenschaft anwesend sind und wir ein Design-Problem für ein städtisches Projekt angehen. Das Ergebnis ist oft sehr interessant und wird sich von der Lösung unterscheiden, die von drei Architekten erarbeitet werden würde, die ähnliche Universitäten besucht haben. Dabei besteht so gut wie gar keine Chance, dass etwas Außergewöhnliches entsteht. Das Problem wird zwar gelöst – und das wahrscheinlich schneller und leichter – aber man erhält nur selten etwas wirklich Innovatives.“

Sam Stubblefield, Principal, NBBJ

Designer mit Unternehmergeist werden an Bedeutung gewinnen.

„Da Führungskräfte den Wert eines Designers für ihr Unternehmen immer mehr zu schätzen wissen, gehe ich davon aus, dass Designer zunehmend zu Besprechungen eingeladen werden, die sich in einer frühen Projektphase befinden und auf denen neue Produkte und Dienstleistungen erstmalig besprochen werden. Es wird ihnen auch möglich sein, höhere Gehälter und Beratungshonorare zu fordern. Die drei Säulen des Erfolgs sind eine gute Idee, eine gute Umsetzung und großartiges Design. Sobald du begründen kannst, warum dein Beitrag zu einem Unternehmen direkt an seinen Profit gebunden ist, wird das obere Management hellhörig werden.“

Shana Dressler, Executive Director von 30 Weeks

Digitale Kunst wird zu einem Rivalen realer Kunst werden.

„Wird eine 3D-gedruckte Skulptur denselben Wert haben wie eine Skulptur, die vor 50 Jahren von Hand geschaffen wurde? Digitale Kunst wird manchmal als eine unbedeutendere Kunstform angesehen. Oh, das wurde am Computer und nicht von Hand erstellt! Sollte es deswegen billiger sein? Ich mache mir Sorgen, dass Verbraucher 3D-Kunst als billig ansehen – und nicht als echt. Wird man jedoch einmal ein Kunstwerk eines Künstlers ausdrucken und behalten können, werden die Menschen ihre Meinung ändern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Michelangelo einen Computer benutzt hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.“

Daniel Aristizábal, Illustrator aus Kolumbien

Experience Design wird zunehmend an Bedeutung gewinnen.

„Beim Einzelhandel geht es nicht mehr nur um die Kauferfahrung. Es geht darum, ein Geschäft zu betreten, ein Gefühl für die Marke zu entwickeln und ein Stück des Lifestyles zu erwerben. Derzeit handelt es sich dabei eher um ein städtisches, luxuriöses Erlebnis. Wie können wir es für die breite Masse zugänglich machen? Wir schauen oft auf das Einkaufszentrum K11 in Hongkong und wie dort so viele verschiedene Dinge in das Einkaufserlebnis eingebunden wurden, angefangen bei überall gegenwärtiger Kunst über Bauernhöfe, auf denen man Pilze selbst sammeln und zubereiten lassen kann, bis hin zu Programmen für Kinder. Das Einkaufszentrum ist zudem sehr gut kuratiert, und es finden ständig neue Ausstellungen und Programme statt.“

Georgianna Stout, Founding Partner und Creative Director, 2×4

Erzählkunst wird keinem eindeutigen narrativen Bogen mehr folgen.

„Die nächste große Herausforderung für kreative Profis wird die zunehmende virtuelle und erweiterte Realität sowie das Verständnis sein, dass die sich selbst navigierende Geschichte kein Teil der meisten kreativen Disziplinen ist. Geschichten sind traditionellerweise immer linear. Meiner Meinung nach wird es sehr schwierig für Kreative sein, Spiele mit einer Geschichte zu entwickeln, die der Nutzer selbst erzählen kann.“

Paul Matthaeus, Gründer und Vorsitzender, Digital Kitchen

Infolge der zunehmenden Fragmentierung der kreativen Welt wird es umso schwieriger werden, unsere Arbeit mit einem Preis zu versehen.

„Bestehende Produkte und Dienstleistungen können leicht mit einem Preis versehen werden, aber wenn es sich um etwas handelt, das noch nicht definiert wurde, fällt es Unternehmen sehr schwer, einen Preis dafür festzusetzen. Meiner Meinung nach wird dies in kleinen Schritten erfolgen müssen, wie etwa bei seriellen Inhalten.“

Paul Matthaeus, Gründer und Vorsitzender, Digital Kitchen

Man wird seine Fähigkeiten erweitern müssen.

„Wenn man zwar ein großartiges Design hat, aber die Geschichte dahinter nicht erzählen kann, wird das die besten Designer ins Verderben stürzen. Es ist wichtig, sich ‚Soft Skills‘ anzueignen: öffentlich zu reden, um Aufmerksamkeit zu erlangen, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten und Ideen klar und deutlich zu formulieren. Du solltest lernen, deine Preise auszuhandeln und wie man die Stimmung in einem Zimmer erfasst und wann du besser verschwinden solltest. Die andere Seite ist die Erfassung der Unternehmenspsychologie im Voraus, und zwar mit den folgenden Fragen: Warum entwickle ich das? Warum ist es wichtig? Welchen Einfluss werde ich auf die Welt haben? Es ist wichtig, diese Fragen zu beantworten, bevor du mit dem Designen beginnst. Genauso wichtig ist es, sich die Denkweise einer Geschäftsperson und eines Designers anzueignen.“

Mona Patel, CEO und Gründerin, Motivate Design

Visuelle VR ist erst der Anfang.

„Innerhalb der VR gibt es eine Menge Gelegenheiten und Hilfsmittel, mit denen man sich auszudrücken kann. Axon VR entwickelt zum Beispiel virtuelle Realität für den ganzen Körper, sowohl die Software als auch die Hardware. Die Vorrichtung ist ziemlich beeindruckend, und der Sprung hin zu einem persönlichen Erlebnis aus erster Hand ist erstaunlich, wenn man Bild, Ton und Tastgefühl hinzufügt. Die visuelle Kraft der Erlebnisse ist unglaublich. Legt man dies in die Hände von kreativen Köpfen, besteht die echte Chance, dass die daraus entstehenden Erlebnisse ganz und gar fantastisch sind.“

Paul Matthaeus, Gründer und Vorsitzender, Digital Kitchen

Spezialisierung + Kommunikation = ein Gewinn für die Karriere.

„Anstelle zu versuchen, ein Alleskönner zu werden, sollten junge Designer in einer spezifischen Designdisziplin ausgebildet werden: Kommunikationsdesign, Produktdesign, Innenarchitektur, Modedesign oder digitale Mediengestaltung. Designstudenten sollten ein Verständnis dafür entwickeln, wie die jeweilige Designdisziplin mit Technologien und Unternehmen interagiert. Sie sollten gemeinsam mit Studenten aus anderen Designdisziplinen und vorzugsweise auch mit Maschinenbau- und Betriebswirtschaftsstudenten an Projekten arbeiten. So können junge Designer geschult werden und an ihren Kommunikationsfähigkeiten arbeiten.“

Cees de Bont, Dekan der School of Design, Hong Kong Polytechnic University

3D-Druck wird weiterhin an Bedeutung gewinnen.

„Es ist unsere Pflicht als Kreative, den 3D-Druck in unsere Arbeit einzubinden. Wenn du die Möglichkeit hast, deine Arbeit greifbarer zu machen, verleiht es ihr mehr Fülle. Ich hoffe, dass wir mithilfe von 3D-Druck unser Leben vollständig an unsere Bedürfnisse anpassen können. Eines Tages können wir neue Schuhe oder Besteck einfach zu Hause ausdrucken. Meiner Meinung nach wird das auf alle grundlegenden Haushaltsprodukte zutreffen. Es wird mehr Kreative auf der Welt geben, da Produkte, die zuvor im industriellen Maßstab hergestellt wurden, nun von allen mithilfe des 3D-Drucks gefertigt werden können.“

Daniel Aristizábal, Illustrator aus Kolumbien

Man muss eingehender über sein Design als Marke nachdenken.

„Wenn du im Bereich UX Design tätig bist und so viele Produkte wie möglich entwickeln möchtest, dann solltest du Freiberufler bleiben. Auf diese Weise kannst du wesentlich mehr Geld verdienen und dennoch das haben, was du möchtest. Wenn du jedoch ein Team oder eine Designkultur aufbauen möchtest, ist es an der Zeit, über die Gründung eines Unternehmens nachzudenken. Du müsstest von der bloßen Designarbeit zurücktreten, dich der Geschäftsentwicklung widmen (Abläufe, HR) und damit beginnen, eine Struktur aufzubauen, die es Kunden ermöglicht, die visuelle Designarbeit deines Unternehmens zu kaufen. Die Denkweise ändert sich von: ‚Ich bin der Designer und die Menschen hier arbeiten für mich‘ zu ‚Ich bin der Motor hinter einer Marke, an der Menschen arbeiten werden, und Kunden werden die Marke damit beauftragen, eine Qualität zu liefern, die sie nirgendwo sonst erhalten werden.‘ Deine Aufgabe ist es, diese Umgebung und dieses System zu schaffen.“

Mona Patel, CEO und Gründerin, Motivate Design

Der öffentliche Sektor wird mehr Problemlöser und daher auch Designer benötigen.

„In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden Designer immer wichtiger für das Design im öffentlichen Sektor werden. Dieser Designbereich ist relativ neu, und Designer können in vielen verschiedenen Bereichen mit deutlichem Wachstum im öffentlichen Sektor arbeiten, der sich zunehmenden Problemen aufgrund alternder Bevölkerung, Verschmutzung, Verkehrsstauung etc. ausgesetzt sieht. Diese Problembereiche benötigen viel Kreativität und Designkompetenz.“

Cees de Bont, Dekan der School of Design, Polytechnische Universität Hongkong

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Matt McCue

Matt McCue ist Senior Writer bei 99U. Zuvor schrieb er für Fast Company, Fortune und ESPN The Magazine. Er wohnt in New York City, aber nimmt gern lange Wege für eine gute Mahlzeit auf sich. Du findest ihn hier: mattmccuewriter.

Kiana St. Louis

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Kiana ist Redaktionsassistentin und Community Managerin bei 99U. Sie liebt Mode und Kunst und glaubt, dass die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden könnte, wenn die Menschen nur ein bisschen mehr schreiben würden. Hier kannst du ihrem persönlichen Blog folgen.

Die englische Version dieses Artikels findet ihr bei den Kollegen von 99U!

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