Ein Blick zurück für einen Blick in die Zukunft: Illustrationsstile der letzten 30 Jahre

by Adobe DE Team

Posted on 03-23-2017

Illustration ist eine der wichtigsten Formen visueller Kommunikation: Sie informiert und observiert, vergnügt und verschönt, belehrt und beflügelt. Seit den ersten Zeichnungen, die Menschen an Höhlenwände gemalt haben, hat Illustration eine wesentliche Rolle sowohl beim Erzählen von Geschichten als auch beim Teilen von Informationen gespielt – und sie ist auch beim Verständnis unserer modernen Welt noch immer genauso relevant. Heutige Künstler schaffen eine erstaunliche Vielfalt von Illustrationen in einem Spektrum verschiedener Stile und Genres. Dabei stützen sie sich auf eine abwechslungsreiche Geschichte und die außergewöhnlichen Innovationen der letzten Jahrzehnte. In diesem Artikel untersuchen wir einige der künstlerischen und sozialen Bewegungen, die Illustration in den letzten 30 Jahren beeinflusst haben.

Es ist unmöglich, über zeitgenössische Illustration zu sprechen, ohne auf den Einfluss von Push Pin Studios hinzuweisen, die 1954 von den Cooper Union Kommilitonen Seymour Chwast, Milton Glaser und Edward Sorel gegründet wurden. Die Künstler bei Push Pin waren die Vordenker einer Revolution. „Push Pin warf hinsichtlich der Referenzierung von Stilen alles über den Haufen“, sagt Whitney Sherman, Direktorin – MFA für Illustration am Maryland Institute College of Art (MICA). Die konzeptionell arbeitenden Push Pin Künstler plünderten die Kunst- und Grafikgeschichte – von bildender Kunst bis Comics – und überarbeiteten und kombinierten diese verschiedenartigen Formen neu. So entstanden wunderbare, innovative und unerwartete Arbeiten.

In den späten 1980er Jahren hatten Illustratoren die Freiheit, unterschiedliche historische Stile und Verfahren frei zu kombinieren, mit ihnen zu experimentieren und sie zu feiern. Auch von historischen Kunstbewegungen wie der Punk-Kultur der 1970er und der New Yorker Street-Art-Szene dieser Ära ließen sie sich inspirieren. Grafikdesign trug ebenfalls dazu bei, den Look des Jahrzehnts zu bestimmen. Veröffentlichungen wie The Face unter Leitung von Art Director Neville Brody spielten mit ihrer radikalen Verwendung von Typographie und Layout eine wichtige Rolle und inspirierten zahlreiche Illustratoren und Designer.

Push Pin Studios revolutionierten die moderne Illustration, indem sie Stile und Genres kombinierten und neu überarbeiteten.

Ein Sprung ins Jahr 2017 und die Vorstellung einer Kunstbewegung erscheint ziemlich lächerlich. Alles, von Höhlenzeichnungen aus der Steinzeit bis zur neuesten postmodernen Kunst, wurde in den Schleudergang von Popkultur und Konsumdenken geworfen. Das erste Bild wurde 1992 im Internet hochgeladen. Heute werden jeden Tag allein auf Instagram 80 Millionen Bilder hochgeladen. „So etwas wie angesagte Favoriten gibt es eigentlich nicht mehr“, sagt Designer und Illustrator Von Glitschka und meint damit Arbeiten, die bei Kreativdirektoren eine Zeit lang sehr beliebt sind und dann wieder out werden. „Heute passiert das nicht mehr. Durch soziale Medien hat sich das geändert. Die Interaktion eines Publikums mit einem bestimmten „Look“ passiert jetzt so schnell.“

Dennoch, um ein Zitat von The Big Lebowski umzuformulieren: „Der Illustrator macht das schon.“ Und wir alle profitieren davon. Die meisten einflussreichen Kunstbewegungen, die wir uns hier ansehen wollen, sind als Reaktion auf den Status Quo entstanden. Was genau haben diese Rebellen also gemacht?

Jugendstil

Eine internationale Designbewegung, die in den 1890ern in England ihren Anfang nahm und die nächsten beiden Jahrzehnte florierte: Der im deutschen Sprachraum Jugendstil genannte Trend rebellierte gegen die historischen Stile, die Design für den größten Teil des 19. Jahrhunderts dominiert hatten. Wie der Name schon andeutet, lag der Schwerpunkt beim Jugendstil auf Innovation. Das führte zu einer Revolution im modernen Design.

Beeinflusst von der britischen Arts-and-Crafts-Bewegung, Design und Holzschnitten aus Japan, keltischen Mustern und illuminierten Handschriften sowie den Gemälden von Van Gogh und Cezanne sowie angelehnt an den Rokoko-Stil verbreitete sich die neue Bewegung schnell in ganz Europa.

In jedem Land entwickelten sich spezifische Ausprägungen, aber eine gemeinsame grafische Sprache verband die einzelnen Stilformen: frei fließende organische Formen, botanische Elemente, fluide Linien, einzigartige Typographie und Schrift sowie die Bedeutung von erstklassiger Handwerkskunst.

Der Jugendstil erlebte in den späten 1960ern ein großes Revival, als er in zahlreichen Plakaten für Rockkonzerte und Plattencovern neu interpretiert wurde. Dieser unverwechselbare psychedelische Look hat wiederum spätere Generationen von Künstlern beeinflusst.

Der klassische „psychedelische“ Look, den man mit Plattencovern und Konzertplakaten der späten 1960er und frühen 1970er in Verbindung bringt, kann als ein Ableger des Jugendstils betrachtet werden – ein „Retrolook“, auf den sich moderne Künstler häufig beziehen.

DAVID LANCE GOINES

David Lance Goines, Designer und Druckkünstler aus Berkeley, Kalifornien, schafft wunderschöne Arbeiten, die sich an einen klassischen Jugendstil-Look anlehnen: grobe Linien, subtile Farben und handgeschriebener Text. (Chez Panisse, 2005, David Lance Goines)

Modernismus

Modernistische Kunst und die Bewegung des Modernismus hatten einen starken und weitreichenden Einfluss auf Illustration und Design. Der Modernismus nahm um 1908 seinen Anfang, dauerte bis Ende der 1930er an und umfasste eine Reihe unterschiedlicher Bewegungen wie Konstruktivismus, Surrealismus und Bauhaus. Sie alle zeichneten sich durch eine Ablehnung historischer Stile, einen minimalistischen Designansatz und eine originelle und experimentelle Verwendung von Formen, Farben, Linien und Layout aus.

„Konstruktivismus, Bauhaus und andere formelle, rigide, minimalistische Ansätze für Design und Bildgestaltung haben in verschiedenen Formen überdauert und sind auch in heutigen Illustrationen zu sehen“, sagt Richard Lovell, Illustrationschef bei SCAD. „Es ist eine formorientierte Ästhetik, die gut mit digitalen Medien und selbst mit Film und Animation zusammenwirkt.“

Surrealismus

Die Traumdeutung, 1899 von Sigmund Freud veröffentlicht, untersuchte die Beziehung zwischen Träumen und Realität und legte den Grundstein für die literarische, intellektuelle und künstlerische Bewegung des Surrealismus. Der französische Schriftsteller, Dichter und Antifaschist André Breton, der allgemein als der Gründer des Surrealismus betrachtet wird, veröffentlichte 1924 das Surrealistische Manifest. Darin definierte er Surrealismus als „reinen psychischen Automatismus“.

Während der Einfluss surrealistischer Dichter und Schriftsteller begrenzt war, hatten die mit Surrealismus verbundenen Künstler und Maler bedeutende Auswirkungen auf die visuellen Künste und den Film. In ihrer Kunst setzten Surrealisten gerne normalerweise nicht miteinander verbundene Objekte auf verspielte und beunruhigende Weise miteinander in Beziehung. Natur und Menschen wurden beispielsweise sorgfältig auf ganz realistische Art dargestellt, jedoch in eine traumähnliche Landschaft versetzt.

Die Auswirkungen des Surrealismus auf Illustration, Design und visuelle Kommunikation sind deutlich und weitreichend. Die Bewegung bahnte den Weg für neue Illustrationstechniken und zeigte, wie die Welt der Träume, der Symbole und der Fantasie visuell auf eine Weise untersucht werden kann, die eine universale Reaktion bei zahlreichen Betrachtern hervorruft.

BRAD HOLLAND – PROPHET

Brad Holland ist einer der einflussreichsten Illustratoren des 20. Jahrhunderts. Er lebte in New York und war ein Pionier der konzeptionellen Arbeitsweise, einer Methode, bei der eine Idee die Lösung für einen Auftrag bestimmt, statt dem Künstler vorzugeben, was er produzieren soll. Seine visuell schlichten, oft surrealen Arbeiten haben einen hohen Wiedererkennungswert. Sie bestimmten die Entwicklung der modernen Illustration und beeinflussten Illustratoren auf der ganzen Welt._ (Prophet_, Brad Holland)

JOHN CRAIG – JOKER

Illustrator John Craig verwendet Collage als seine vorwiegende Technik und schafft damit Arbeiten für eine Reihe von Publikationen wie Time, _Newsweek _und Esquire. Craigs Bilder sind faszinierend und mysteriös. Sie stellen Verbindungen her und erzählen Geschichten, die lange nachhallen. (Joker, 2007, John Craig)

Konstruktivismus

Die konstruktivistische Bewegung, deren Wurzeln in der russischen Avantgarde lagen, entstand direkt vor der bolschewistischen Revolution von 1917. Unter dem Einfluss des abstrakten Stils, der reinen Form und der Energie von Kubismus, Futurismus und Suprematismus wollten konstruktivistische Künstler eine neue visuelle Sprache erschaffen, um Kunst, Design und Architektur von konventionellen Darstellungsformen zu befreien. Konstruktivistische Künstler gestalteten sowohl politische Plakate als auch kommerzielle Werbung und verknüpften den Stil für immer mit politischem Aktivismus.

Starke Geometrien, flächige Farben, einfache Formen, großzügiger weißer Raum und fette Groteskschriften sind unverwechselbare Kennzeichen konstruktivistischen Designs. Die Fotomontage bot sich als neue Illustrationstechnik für das neue Zeitalter an.

Konstruktivismus beeinflusst auch weiterhin modernes Grafikdesign und Illustration, wobei Künstler das visuelle Vokabular des Konstruktivismus mit ihren eigenen Stimmen und Ideen kombinieren.

BOB STAAKE – PIPKO

Illustrator, Designer und Autor Bob Staake arbeitet in einer großen Vielfalt von Stilen, je nach der Geschichte, die er vermitteln muss. Seine Plakatkunst Pipko Tabac referenziert den Konstruktivismus mit der Verwendung einfacher geometrischer Elemente und Groteskschrift. Dazu kombiniert er allerdings seinen unverwechselbaren und sehr ausgefeilten Ansatz für Farbe und Struktur, um sein ganz eigenes Statement entstehen zu lassen. (Pipko Tabac, 2010, Bob Staake [Instagram])

Bauhaus

1919 wurde der Architekt Walter Gropius zum Leiter des Staatlichen Bauhauses in Weimar ernannt, das zwei Kunstschulen in einem Institut verband und bildende sowie angewandte Kunst im Lehrplan kombinierte. Für die Ausbildung im Bereich Design wurde ein modernistischer Ansatz entwickelt und die Studenten wurden ermutigt, zu experimentieren und ihre ganz eigene Stimme zu finden.

Der Lehrkörper am Bauhaus umfasste die Maler Paul Klee und Wassily Kandinsky, den Konstruktivisten László Moholy-Nagy, den ehemaligen Bauhaus-Studenten Herbert Bayer und den Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Die Kunstschule untersuchte moderne Ideen zu Architektur, Farbe und Form und experimentierte mit Drucktechnik, Fotografie und Typographie.

Ihr Beitrag zum modernen Design geht weit über ihr kurzes 14-jähriges Bestehen hinaus. Der Bauhaus-Ansatz für die Ausbildung im Bereich Design ist die Grundlage heutiger Designfakultäten. Das Leitprinzip des Bauhaus-Produktdesigns, „Volksbedarf statt Luxusbedarf“, also die Produktion von hochwertigen Artikeln zu erschwinglichen Preisen, wird heute zum Beispiel von Ikea und Muji praktiziert.

HARRY CAMPBELL – VENDING MACHINE

Harry Campbell gestaltet klare, moderne Illustrationen, die komplexe Gedanken mit einfachen Linien und Farben erfassen. Seine konzeptionellen und redaktionellen Arbeiten sind in zahlreichen Zeitungen und Veröffentlichungen zu sehen, von der New York Times bis Mother Jones. Seine digitalen Illustrationen spiegeln die isometrische Geometrie des Industriedesigns und der Architektur vom Bauhaus wider. (Vending Machine, 2017, Harry Campbell)

Magischer Realismus

Neben Surrealismus und Expressionismus hat sich der magische Realismus entwickelt. Der 1924 zum ersten Mal vom deutschen Kunstkritiker Franz Roh derart betitelte Stil war eine neue Form der realistischen Malerei, die alltägliche Objekte als etwas Vertrautes, jedoch gleichzeitig auch als etwas Fremdes oder Unnatürliches darstellte.

Der magische Realismus setzte sich in den 1940er und 1950er Jahren in Nord- und Südamerika durch. Die Künstler dieser Bewegung malten in einem detaillierten, realistischen Stil und verliehen ihren Werken Symbolismus und einen traumartigen, geheimnisvollen Charakter.

Für Künstler und Illustratoren von heute ist der magische Realismus ein einzigartiger Ansatz für das Erzählen von Geschichten: Mit seinen Wurzeln in der echten Welt, im Realismus, können „magische“ Elemente das Erlebnis des Bildes oder der Idee durch den Betrachter auf unerwartete Weise intensivieren.

CHRIS BUZELLI – AMAZON

Chris Buzelli fertigt seine äußerst detaillierten Ölgemälde für eine Vielzahl von Kunden an und überschreitet die Grenzen zwischen gewerblicher und bildender Kunst. Während seine Arbeit mit bezaubernden – und manchmal beängstigenden – Tieren und Charakteren meist surreal gehalten ist, wurde dieses Werk, Amazon, für die Titelseite der Reiserubrik in der _New York Times _geschaffen. (Amazon, 2013, Chris Buzelli [Instagram])

Art déco

Der Begriff Art déco geht auf die berühmte Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes (Internationale Ausstellung moderner dekorativer und gewerblicher Kunst) zurück, eine große Messe, die im Sommer 1925 im Zentrum von Paris stattfand. Die Bewegung, die auch als Style Moderne bezeichnet wird, umfasste Kunst, Architektur und die visuellen und dekorativen Künste, also im Grunde alles, was unter den Titel Design, wie wir es heute kennen, fällt.

In den visuellen Künsten war der unverwechselbare grafische Stil des Art déco durch einfache, klare Formen und in seiner späteren Periode oft durch aerodynamische Kurven bestimmt. Moderne Illustratoren und Designer haben Formen und Typographie der Ära erkundet und neu erfunden. So entstanden beeindruckende, lebendige Entwürfe.

MADS BERG – BORNHOLM

Mads Berg, ein in Kopenhagen arbeitender Illustrator, interpretiert den Look klassischer Plakatkunst mit einer minimalistischen dänischen Designästhetik für unterschiedlichste Kunden und Anwendungen. Berg, der sich leicht an die Geometrie des Art déco anlehnt, entwickelt diese Formen zu fließenden, geschichteten Abstraktionen mit strahlenden Farben und Strukturen. (Bornholm Poster 2015, 2015 Mads Berg)

DANIEL PELAVIN – 1952 VINCENT BLACK LIGHTNING

Daniel Pelavin ist ein versierter Illustrator, Schriftkünstler und Typograph, der in New York tätig ist. In seinem Werk 1952 Vincent Black Lightning interpretiert Pelavin die stromlinienförmige Sprache des Art déco, um den Eindruck von Geschwindigkeit und Präzision zu erzeugen – perfekt für die Darstellung des damals schnellsten Motorrads der Welt in seiner Essenz. (1952 Vincent Black Lightning, 2017, Daniel Pelavin [Instagram])

MICHAEL MABRY – IL FORNAIO CORPORATE IDENTITY

Michael Mabry ist ein Grafikdesigner, Illustrator und Lehrer, der in der Bay Area von San Francisco lebt und arbeitet. Er hat preisgekrönte Designs für Corporate Identities, Verpackungen und Logos für eine Vielzahl internationaler Unternehmen und Organisationen geschaffen. In seiner “Identity” für die italienische Restaurantkette El Fornaio bezieht er sich auf die geometrischen Formen des Art déco und die Werbeplakate dieser Periode, kombiniert diese Elemente jedoch mit einzigartigen Farben und Strukturen sowie zartem Skript, um ein originelles Design zu schaffen. (Il Fornaio Corporate Identity, 1988, Michael Mabry)

Die Memphis Group

Die Memphis Group war ein Kollektiv junger Möbel- und Produktdesigner unter Leitung des berühmten italienischen Industriedesigners Ettore Sottsass. Die 1981 gegründete Gruppe dominierte die Designszene der frühen 1980er Jahre mit ihren postmodernen Möbeln und Textilien. Sie war lebhaft und experimentell – Muster, Farben und markante Geometrie sind die Hauptmerkmale der Memphis Group. 1988 wurde sie dann von Sottsass aufgelöst. Doch obwohl sie als Gruppe nicht mehr existierte, übten ihre Energie und Respektlosigkeit einen dauerhaften Einfluss auf Illustration und Design aus. Sie hatte gezeigt, dass es in Ordnung ist, Beschränkungen und etablierte Regeln des Designs zu ignorieren und die Schnittstelle zwischen Spaß und Funktionalität zu erforschen.

LAUREN ROLWING – SHOP MUNICH

Lauren Rolwing ist eine Illustratorin aus Nashville, die durchdachte, von Formen dominierte Designs mit kräftigen Farben und Mustern gestaltet. „Ich bin stark von der Memphis-Bewegung inspiriert“, sagt Rolwing. „Die Idee für mein selbst initiiertes Projekt If I Lived in Ettore Sottsass’ Neighborhood stammt von einem Traum, den ich hatte, nachdem ich mich am Tag zuvor mit der Memphis-Bewegung beschäftigte.“ _(Shop _Zeitschriftentitel, 2016, Lauren Rolwing [Instagram])

Lowbrow und Pop-Surrealismus

Lowbrow und Pop-Surrealismus starteten als Untergrund-Kunstbewegung in Los Angeles und entwickelten sich in den späten 1970er Jahren außerhalb der traditionellen Galerie- und Museumsszene.

Lowbrow findet seine Inspiration in einer wilden und breiten Vielfalt von Quellen: Tätowierkunst, Underground-Comics, Rock- und Punkmusik, Skateboarding, figurative Kunst, Surrealismus und Popkultur. Lowbrow-Künstler schaffen Gemälde, Zeichnungen, Objekte und Medienkunst voll kraftvoller Details. Stile, Charaktere und Narrative werden in lebendigen, dynamischen Kunstwerken kombiniert. Der Lowbrow-Stil hat sich weiterentwickelt, von roh und ungeschliffen zu malerisch und kultiviert. In seiner Handwerkskunst hat er sich jedoch ein einzigartiges, oft subversives Flair bewahrt.

Die wegweisende Galerie La Luz de Jesus, die 1986 auf der Melrose Avenue in Los Angeles eröffnet wurde, gilt als eine der ersten Galerien, die Lowbrow- und Pop-Surrealismus-Künstler ausstellte. „Es hat wirklich zu Veränderungen geführt“, sagt Mark Heflin, Redakteur und Direktor von American Illustration. „Die Grenzen zwischen Illustration und bildender Kunst wurden verwischt.“

Das Ausradieren der Grenzen zwischen gewerblicher und bildender Kunst ist einer der wichtigsten Beiträge dieser Bewegung.

THE CLAYTON BROTHERS – SENSING NEEDS

Die Brüder Rob und Christian Clayton arbeiten seit 1996 zusammen an Gemälden, Skulpturen und Installationen. Rob und Christian verwenden einen einzigartigen kreativen Prozess: Sie arbeiten nicht gleichzeitig an demselben Werk. Sie sprechen auch nicht über ihre Projekte, während sie daran arbeiten. Sie wechseln sich dabei ab, die Kunstwerke zu ergänzen, zu verändern und zu überarbeiten, bis sie beide der Meinung sind, dass ein Stück fertig ist. Die Ergebnisse sind organische, lebhafte, visuelle Gespräche, die den Betrachter einladen, seine eigene Narrative zu schaffen. Die Brüder teilen sich ein Atelier in La Crescenta, Kalifornien, und sind beide Mitglieder des Lehrkörpers am ArtCenter College of Design. (Sensing Needs, 2007, The Clayton Brothers [Instagram])

GARY BASEMAN – NEW YORKER COVER

Der Künstler Gary Baseman aus Los Angeles arbeitet in bildender Kunst, Illustration, Spielzeugdesign, Fernsehanimation und Film. Seine Werke kombinieren kultige Popart-Bilder, Vintage-Motive und literarische und psychologische Archetypen. Er ist für die verspielten, intelligenten und oft verschlagenen Wesen bekannt, die seine Arbeit durchziehen. _(New Yorker _Titelblatt für Muttertag, 2002, Gary Baseman [Instagram])

Politische Illustration

Eine politische Illustration ist ein Bild, das ein Argument anbringt. Sie vermittelt eine Botschaft. Sie ist ein Schlag gegen einen Politiker, enthüllt Inkompetenz oder deckt einen Betrug auf. Politische Illustration verwendet Karikatur, Humor, Satire und Metaphern, um echten visuellen Journalismus zu produzieren, der komplexe politische Situationen prägnant zusammenfasst und allgemeine Überzeugungen hinterfragt.

Zeitgenössische Künstler greifen auf eine reiche, jahrhundertelange Geschichte zu und schaffen ihre politischen Illustrationen mit einer Vielzahl von künstlerischen Techniken, von einfachen Stiften und Tinte bis zu fein ausgearbeiteten Malstilen.

STEVE BRODNER – THE COURT OF DONALD I

Steve Brodner ist ein Illustrator, Grafikkünstler und politischer Kommentator aus New York – einer der einflussreichsten und meistgelesenen heute tätigen politischen Illustratoren. Seine Arbeiten sind in Zeitschriften, auf Websites, in Büchern, im Fernsehen und in Zeitungen zu sehen und illustrieren Journalismus – seinen eigenen und den anderer. Er hat außerdem viele Auszeichnungen gewonnen und betritt mit seiner Arbeit weiterhin politisches, künstlerisches und technisches Neuland. Brodner unterrichtet zudem Illustration an der School of Visual Arts in New York. (The Court of Donald I, 2017, Steve Brodner)

Digital

Anfang der 1990er begann die digitale Revolution in den kreativen Branchen Realität zu werden. Vor dieser Zeit „klangen die Gespräche zu digitalem Design, als seien Computer Außerirdische, die in das Atelier marschieren und eine Übernahme versuchen“, sagt Whitney Sherman. Zwar sanken die Kosten für Hardware, doch der Einstiegspreis war immer noch hoch und die Lernkurve für die Software furchtbar steil. Grafikdesigner nahmen die neue Technologie williger an als Illustratoren, aber es war für alle ein furchterregender Sprung ins Leere.

Mitte der 1990er Jahre begann ein neuer Schlag von Illustratoren Fuß zu fassen. Einige kamen frisch aus den Kunst- und Designakademien, mit einer neuen Sichtweise der traditionellen Rolle eines Designers und Illustratoren. Sie sahen sich als grafische Künstler, die übergreifend in Design und Illustration arbeiteten. Andere waren etablierte Künstler, die mit den neuen Hilfsmitteln experimentieren und neue Technologien gewinnbringend nutzen wollten. Diese Künstler erstellten ihre Arbeiten auf dem Computer und waren stolz darauf – eine neue digitale Ästhetik bildete sich heraus.

Am Ende des Jahrzehnts hatte sich die Welt auf eine Art und Weise verändert, die sich bisher niemand hätte vorstellen können. Computer und Software waren schnell und ausgereift und boten neue Tools, die den Look „natürlicher Medien“ ermöglichten: den Stiften, Bleistiften und Pinseln traditioneller Illustration. Neue Filter und Techniken boten spannende neue Verfahren zur Bearbeitung von Bildern. Illustratoren konnten sich entscheiden, ob sie traditionell oder digital arbeiten oder die beiden Arbeitsweisen nach Bedarf miteinander mischen wollten. Whitney Sherman charakterisiert dies als einen „Transmedien-/Hybridansatz, der traditionelle und digitale Ästhetiken und Arbeitsweisen kombiniert.“

In der heutigen Welt, mit unseren leistungsstarken Smartphones, Tablets mit hochauflösenden Bildschirmen und dem allgegenwärtigen schnellen Internet, können Illustratoren Animation und VR nutzen, um die Narrative zu erweitern und Geschichten sequenziell und interaktiv zu erzählen.

Durch das Kombinieren bestehender Formen mit modernen Technologien entwickeln Illustratoren neue Formen und Stile visueller Kommunikation – alles auf einem Fundament, das Tausende von Jahren stark ist.

CRAIG FRAZIER – BOOKFLOAT

Craig Frazier ist ein „illustrierender Designer“ aus Mill Valley, Kalifornien, der die Grenzen zwischen Grafikdesign und Illustration verwischt. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und er ist international für seinen einzigartigen, konzeptionellen Stil anerkannt. Ausgehend von kleinen Skizzen schneidet Frazier Formen in Amberlith aus und überträgt sie zum Kolorieren auf den Computer. In diesen Beispielen fügt er Animation hinzu, um die Narrative in seiner Kunst zu erweitern. _(Bookfloat, _Craig Frazier [Instagram])

CHRISTOPH NIEMANN – MY TRIP TO THE DMZ

Christoph Niemann ist ein in Berlin arbeitender Illustrator, Designer, Künstler und Autor. Seine Werke sind (unter anderem) auf den Titelseiten von New Yorker, Wired und dem New York Times Magazine erschienen und haben Auszeichnungen von AIGA, dem Art Directors Club und The Lead Awards gewonnen. Niemann ist vor allem ein fantastischer visueller Geschichtenerzähler, der immer wieder Neues ausprobiert und an die Grenzen geht. My Trip to the DMZ ist ein experimentelles 360-Grad-Skizzenbuch (klicken Sie zum Ansehen auf das Bild). _(My Trip to the DMZ, _Christoph Niemann [Instagram])

LOUIS FISHAUF – STRIPES

Louis Fishauf ist ein kanadischer Grafikdesigner, Art Director und Illustrator, der preisgekrönte Arbeiten für eine Vielzahl von internationalen Unternehmen geschaffen hat. Fishauf war einer der ersten, der Computer und Software als Design- und Layout-Tools eingesetzt hat. Seine aktuelle Arbeit konzentriert sich in erster Linie auf digitale Collagen. (Stripes, Louis Fishauf)

Autor: Terry Hemphill

Topics: Illustration, Design, Grafikdesign, André Breton, Arts-and-Crafts-Bewegung, Bauhaus, Bob Staake, Brad Holland, Cezanne, Chris Buzelli, Christian Clayton, David Lance Goines, Edward Sorel, Ettore Sottsass, Franz Roh, Futurismus, Gary Baseman, Harry Campbell, Herbert Bayer, John Craig, Jugendstil, Konstruktivismus, Kubismus, László Moholy-Nagy, Lauren Rolwing, Lowbrow, Ludwig Mies van der Rohe, Mark Heflin, Memphis Group, Milton Glaser, Modernismus, Neville Brody, Paul Klee, Politische Illustration, Politischer Aktivismus, Pop-Surrealismus, Push Pin Studios, Richard Lovell, Rob Clayton, Rokoko-Stil, Seymour Chwast, Sottsass, Steve Brodner, Suprematismus, Surrealismus, Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Whitney Sherman, Creative EMEA

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